Samstag, 09 September 2017 08:28

Eine Reise in die Vergangenheit - ein Tourenbericht von 1985 und ein paar persönliche Anmerkungen

Allerschönstes Wetter in der Provence. Das muss man doch ausnutzen. Die Fahrräder sind frei - dann juckeln wir doch mal zum Pont d'Arc, jenem riesigen natürlichen Felsentor am Eingang der Ardècheschlucht, welches ungefähr 36 Kilometer vom Zeltplatz entfernt liegt.

An diesem berühmten Naturdenkmal sind auch mehrere Strände, die dazu einladen, faul in der Sonne zu liegen. Die Ardèche, die dort ordentlich tief ist, lässt außerdem die Herzen der Schwimmer höher schlagen.

Marschproviant gepackt, ausreichend Flüssigkeit in die Rucksäcke, und dann rauf auf die Räder. Die alten Zeltlagerdrahtesel hatten, wenn es hochkommt, gerade mal eine einfache Dreigangschaltung. Wir waren aber noch echte Kerle und hatten keine Hemmungen, diese Tour anzugehen. Die ersten Steigungen wurden ohne Schwierigkeiten überwunden. Am Aussichtspunkt Ranc Pointu wurde angehalten, um einen Blick in die atemberaubende Ardècheschlucht zu werfen. Von oben war die Aussicht wirklich sehr beeindruckend. Die Schlucht von "unten" kannten wir schon, da wir einen Tag vorher die große Canyontour von La Rouveyrolle aus gegangen sind. Das waren so um die dreißig spannende und abenteuerliche Kilometer, denn einen richtigen Weg wie heute gab es nicht; und die zahllosen Haltestangen in den Felswänden waren auch noch nicht existent.

Nachdem wir uns sattgesehen hatten, wurde ein Zigarettchen geraucht - und weiter ging es. Vor über dreißig Jahren durften die über sechzehnjährigen sich noch in der Öffentlichkeit hemmungslos mit Nikotin vergiften. Nach etlichen Aussichtspunkten und üblen Berg- und Talfahrten erreichten wir nass geschwitzt und sehr zufrieden gegen 11.00 Uhr unser Ziel. Frühstück gab es damals um 8.00 Uhr im Zeltlager - da hatte man noch was vom Tag.

Nachdem wir uns in der Ardèche ausgetobt hatten, entdeckten wir ein Loch im Felsen. Das war so schön schwarz und einladend, da mussten wir einfach reinklettern. Schon damals ließen wir kein Abenteuer aus. Dieses Loch verhieß Schatten und Kühle, genau das hatten wir nötig. Nur mit Badehose bekleidet und barfuß holten wir uns schnell blutende Wunden am ganzen Körper. Da wir vorher aber ein Bier getrunken hatten, wegen des Elektrolythaushaltes, war uns das vollkommen egal. Bier und Wein standen 1985 auch noch nicht auf der Verbotsliste für Teilnehmer, die ein entsprechendes Alter hatten. In der engen Höhle ging es jedenfalls bergauf. Auch wenn es stockdunkel war, gab es für uns keinen Grund, unruhig zu werden. Einige Meter über uns sahen wir dann plötzlich ein wenig Licht einfallen. Da mussten wir hin! Tatsächlich schafften wir es vorbei an messerscharfen Steinen - und dann war die Überraschung groß. Wir sind tatsächlich in dem Felsenbogen rumgeklettert. Wir waren sehr erstaunt, dass der Pont d'Arc innen hohl war. Das fanden wir ausgesprochen cool - da hatte man abends wieder was zu erzählen in der Zeltlager-Raucherecke.

Noch mehr blutende Wunden wollten wir uns nicht holen und sprangen aus sehr luftiger Höhe aus dem engen Loch hemmungslos in die Tiefe. Nach einem ewig erscheinenden Flug landeten wir sicher im Fluss. Das waren die Zeiten, wo man nicht nur jung und mutig war, sondern auch noch unsterblich.

Nach einem ordentlichen Imbiss, dick mit Käse und Wurst belegte lange Weißbrote, machten wir ein schönes Nickerchen unter großen, schattigen Bäumen. Damals waren die Strände am Pont d'Arc, diesem einzigartigen Naturdenkmal, noch nicht so überlaufen wie heute, so dass wir ungestört unser Schnarchkonzert beginnen konnten. Herrlich!

Nachdem wir dann wieder Kraft aus unseren Träumen geschöpft hatten, hieß es, die Heimfahrt ins Zeltlager anzutreten. Die letzte lange und sehr steile Abfahrt hatten wir noch gut in Erinnerung; war ja auch erst gut drei Stunden her. Nach reiflicher Überlegung saßen wir dann fünfzehn Sekunden später auf den Drahteseln und schlugen nicht den Weg ein den wir gekommen waren, sondern fuhren die Serpentinen hoch Richtung St. Remeze über die Hochebene von Gras. Das war mörderisch, aber wir kannten keine Schmerzen. In einer unübersichtlichen Kurve nach einer langen Abfahrt auf einer schmalen Straße durch die Garrigue verlor dann ein Teilnehmer die Kontrolle über seine Maschine und stürzte. Unsere von der unbarmherzigen Sonne gemarterten Hirne konnten nicht mehr so schnell reagieren und dann lagen wir alle auf dem Asphalt.

Eigenartigerweise war noch alles an uns dran, und die Räder sahen noch genau so aus wie vorher - wie alte, ganz einfache Fahrräder. Nichts kaputt, also weiter. In Bidon führten uns Hinweisschilder in einen prähistorischen Zoo. Den mussten wir uns ansehen. Dinosaurier, Mammuts und andere Urtiere erwarteten uns in Lebensgröße.

Alles bunte Pappe, aber Spaß hatten wir reichlich. Der Besuch dort dauerte eine gute Stunde und dann ging es weiter nach St. Marcel d'Ardèche in Richtung Rhonetal. Die letzte Pause in dem schönen Ort wurde am alten Waschhaus eingelegt und dann fuhren wir ganz gemütlich über St. Just in unser Zeltlager nach St. Martin zurück. Ein ordentliches Abendessen gab es damals um 19.00 Uhr. Eine Stunde später waren wir dann schon im Dorf und ließen einen Tag voller Abenteuer langsam ausklingen.

Weil die Ardècheschlucht so atemberaubend schön ist, hatten wir vor, am nächsten Tag mit unseren alten Kanus die lange Wildwasserabfahrt zu machen.

Davon gibt es nicht außergewöhnliches zu berichten, nur soviel, dass damals die Ardèche noch ein richtiges Wildwasser war. Aus Gründen der Sicherheit sind in den letzten Jahren viele Felsen aus dem Flussbett herausgesprengt worden. Oft mussten wir unsere nach dem Kentern abgesoffenen Kanus hinter den Stromschnellen nach einigen Tauchgängen vom Grund der Ardèche wieder hochholen. Die Auftriebskörper hießen nur so, auch wenn sie nicht in Ordnung waren. Abends waren wir in jedem Fall froh, wieder im Zeltlager zu sein.

Für den nächsten Tag hatte ich noch kein Programm. Der Abend war lang und in der Dorfkneipe konnte ich mir was für die Gruppe überlegen. Mir fiel auch etwas ein. Vor der Leiterrunde morgens wollte ich dann meine wilde Kolonne wecken. Ich schlug das Zelt auf - kein Mensch da. Sollten die Kerle schon mit der Zahnbürste im Mund vor dem Spiegel stehen? Ich hielt das für sehr unwahrscheinlich und ging erst mal zur Leiterrunde. Nach einem lauwarmen Kaffee bewegte ich mich dann wieder ins Zelt der Jungbullen. Immer noch leer. Als dann die Kirchturmuhr zum achten Mal schlug, fanden sich die Teilnehmer und Leiter zum Morgenappell ein, nur von meinem Haufen war nichts zu sehen. Da dachte ich mir, bevor mir jemand blöde Fragen stellt, gehe ich lieber wieder ins Bett - ohne Frühstück. Gegen 10.00 Uhr wurde ich dann fröhlich von meiner vollzähligen Truppe geweckt. Nach drei anstrengenden Tagen hatten sich die Jungs Ausgang verordnet. Irgendwie sind die Boys auf eine Hochzeitsfeier geraten und haben die ganze Nacht hindurch mitgefeiert. Im Rahmen der Völkerverständigung musste man selbstverständlich bis zum Schluss bleiben. Denen habe ich vielleicht was erzählt! Das war ziemlich deutlich. Während des betretenen Schweigens hätte man eine Stecknadel fallen hören können. Nochmal würden die Sauhunde mich nicht vergessen mitzunehmen.

Nachmittags gingen wir dann mit den ältesten Mädels an den Strand und abends ins "La Remise", einer halb verfallenen Scheune, in der man sehr preiswert Speisen und Getränke in Zimmertemperatur bekam, wenn man keinen Wert auf sauberes Besteck legte. Am nächsten Tag ging unser Abenteuerurlaub weiter. Wir hatten wirklich alles - nur keine Langeweile...

So war das damals. Wir hatten als Leiter die Verantwortung - genau wie heute. Allerdings unterscheiden sich die Teilnehmer von Heute zu den Jungs und Mädels von Damals ganz gewaltig. Irgendwie wussten die Heranwachsenden genau was sich gehört und was nicht. Es wurde natürlich auch Scheiße gebaut, aber das hatte eine andere Qualität. Es wurde nicht herumgenörgelt und wild diskutiert, wenn man eine Tour "langweilig und doof" fand. Wenn der Leiter gesagt hat, dass die Wanderschuhe angezogen werden müssen, standen die Jungs bestens ausgerüstet zur verabredeten Zeit am Treffpunkt. Wir mussten keine Vorgaben machen bezüglich Proviant. Keiner war so blöde und hat morgens gesagt, dass er während der Tour keinen Hunger und Durst haben würde. Wenn es hieß, dass wir in die Schlucht gehen, brauchte man die Ausrüstung nicht kontrollieren. Heute schicken wir die Bande immer wieder zurück ins Zelt, weil etwas vergessen wurde. Rucksack, Schuhe, Mütze, Handtuch, Sonnencreme oder sonstwas. Es sind natürlich nicht alle Kinder so, aber es werden immer mehr. Früher hatte man mal einen Esel in der Gruppe. Wenn ich dann heute in der Fahrradecke unbemerkt sitzend über den Platz schaue, denke ich manchmal, dass der Tierarzt hier eine Menge Kohle machen könnte...

In beiden Ferienhälften sind aber genug Kinder dabei, die hundertprozentig bei der Sache sind - und dann lohnt sich der ganze Aufwand wieder. Von den Jungs auf den Fotos sind die meisten dem Zeltlager nach den vielen Jahren immer noch sehr verbunden und fahren heute noch im Vortrupp mit oder packen in Wiesdorf mit an, wenn mal Hilfe gebraucht wird. Von einigen waren und sind die Kinder heute mit dabei - auch im Leiterteam. Das ist einfach schön.

Mit den ganz tollen Kindern, die während des Zeltlagers sehr positiv aufgefallen sind, habe ich dann privat "Extratouren" veranstaltet. Mehrmals drei Wochen an den Atlantik, ein paar mal zehn Tage an die Cote d'Azur, Paris, London usw. Ich glaube, dass ich mindestens vierzig Paristouren organisiert habe. Eine der schönsten Fahrten war ein einwöchiger Traumurlaub mit einer Handvoll zwölfjähriger Mädels und einer Betreuerin an der Cote d'Azur während der Herbstferien.

Nizza, Cannes, Antibes, Monaco und das Hinterland um die Parfumstadt Grasse wurden von uns erobert. Bei einem Spaziergang an der edlen Strandpromenade in Cannes, direkt gegenüber der Luxushotels Carlton und Martinez, sprangen die Mädels plötzlich auf Grund der großen Hitze über das Mäuerchen der Privatstrände und ab die Post mit voller Montur in die kleinen Wellen des Mittelmeeres. Noch nicht mal die Schuhe wurden ausgezogen. Sechs triefend nasse Gestalten trotteten dann zufrieden und glücklich mit mir durch die noblen Ecken von Cannes...

Die Fahrten an die Atlantikküste nach Moliets-Plage mit Betty, Sabine, Markus, Saskia, Adam und Co. waren auch sensationell. Ein "kleines" Mädchen von damals ist vor ein paar Wochen in einem Radiobericht als Zeltlagerurgestein bezeichnet worden. Das ist unsere Betty, die seit vielen Jahren für die Tourenplanung im Zeltlager verantwortlich ist und sehr viel drumherum organisiert. Die Zeit vergeht und die Erinnerungen verblassen - aber das Wesentliche bleibt trotzdem. Wenn man diese Menschen nach ihren Jugenderinnerungen fragt, steht das Zeltlager immer an erster Stelle. Hier hat man Spaß und Abenteuer erlebt - und Freunde fürs Leben gefunden.

Morgen fahre ich nach Frankreich, um als Prozessbeteiligter auf der Anklagebank zu sitzen. Die Entscheidung des Gerichts soll in der zweiten Oktoberwoche verkündet werden.

Es muss einfach weitergehen! Drückt uns die Daumen, damit eure Enkelkinder noch spannende und lehrreiche Ferien mit uns erleben können.

Letzte Änderung am Samstag, 09 September 2017 19:01
   
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