Donnerstag, 16 August 2018 15:16

Worte der Lagerleitung

Nachdem wir gestern erfahren haben, dass es sich nach Auskunft der Staatsanwaltschaft Nîmes bei der am Montag im Fluss Ardèche gefundenen Männerleiche um unseren Freund und Camp-Kollegen Rolf handelt, sind wir immer noch wie gelähmt und zutiefst erschüttert.

Neben der Trauer um Rolf geht es uns aber auch darum, mit allen Teilnehmern des Zeltlagers die erlebte Naturkatastrophe möglichst gut zu verarbeiten. Priorität hat für uns die bestmögliche Betreuung aller involvierten Kinder und Betreuer sowie aller Angehörigen. So wurde bereits Kontakt zur Koordinierungsstelle für Nachsorge, Opfer- und Angehörigenhilfe (NOAH) in Bonn aufgenommen, um gemeinsam umfassende Hilfestellungen, wie beispielweise psychosoziale Hilfsangebote und Akuthilfen, zu vermitteln. Darüber hinaus wurden eigene Dialogangebote für jede einzelne Gruppe des Camps geschaffen. Ein gemeinsamer Spielenachmittag fand gestern unter professioneller Begleitung des Schulpsychologischen Dienstes der Stadt Leverkusen für rund 100 Kinder statt. Weitere Veranstaltungen wie Besprechungsrunden sind zusätzlich in Planung. Zusammen mit allen Eltern und den Betreuern des Camps sollen diese Angebote dabei helfen, dass insbesondere alle Kinder das Erlebte gut verarbeiten. Wer von euch Fragen hierzu hat, möge sich bitte bei uns unter der Telefonnummer +49 163 244 36 62 oder Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! melden.

Irritiert sind wir über die kursierenden Falschdarstellungen in den Medien. So habe man uns angeblich 48 Stunden vor Eintritt der Starkniederschläge gewarnt und auf eine drohende Überschwemmung des Feriencamps hingewiesen. Wir möchten hier noch einmal ganz klar festhalten: Wir wurden zwar vorab telefonisch vom benachbarten Campingplatz über eine zu erwartende erhöhte Niederschlagsmenge informiert und uns wurde kurz vor dem Ereignis mitgeteilt, dass es in dem im Sommer ansonsten ausgetrockneten Zulauf neben dem Zeltplatz zu einem Wasseranstieg kommen könnte. Von einem Hinweis auf eine bedrohliche Überflutung unseres Zeltplatzes war aber niemals die Rede!

Auch wenn sich das Team zunächst keiner lebensbedrohenden Gefahr ausgesetzt sah, so nahmen wir den Hinweis auf einen Anstieg der Wassermenge im ansonsten ausgetrockneten Zulauf der Ardèche natürlich ernst und reagierten umgehend. Wir trafen Maßnahmen zur kontinuierlichen Kontrolle der Wasserstände und verfolgten regelmäßig den Wetterbericht. In mehreren einberufenen Leiterrunden entschieden wir gemeinsam, wie wir uns auf die sich verändernde Wettersituation einstellen können, um alle Teilnehmer optimal zu schützen. Die Heftigkeit der Naturkatastrophe war nicht erkennbar, eine bessere Vorbereitung auf die Situation war für uns nicht möglich. Als eine große Flutwelle den Platz überschwemmte, haben wir umgehend reagiert und den Platz zusammen mit der alarmierten Feuerwehr evakuiert. Für uns hatte die Sicherheit der Kinder oberste Priorität.

Wir sind schockiert, wie man hier seitens der Behörden mit uns umgegangen ist. Es erfolgte eine Vorverurteilung. Wir wurden nach der Naturkatastrophe inhaftiert und nach zwei Tagen in einer Zelle dem Richter in Handschellen vorgeführt, wie Schwerverbrecher. Wir waren schuldig bis zum Beweis unserer Unschuld. Die französische Gesetzgebung sieht bei einem im Raum stehenden Organisationsverschulden, in einem Unglücksfall wie diesem, eine `Mise en cause`-Anklage vor. Wir haben lernen müssen, dass bei diesem Verfahren Beschuldigte zunächst bis zu 48 Stunden inhaftiert werden können, um sie dann einem Richter vorzuführen. Unsere deutsche Gesetzgebung würde hier zunächst wohl eine staatsanwaltschaftliche Untersuchung anstoßen. Nur im Falle einer Schuldfeststellung in einem ordentlichen Verfahren könnte dann eine Haftstrafe folgen. Da wir dem Gericht unsere Unschuld eindeutig nachweisen konnten und alle im Raum stehenden Vorwürfe komplett entkräfteten, erfolgte am Samstag eine Entlassung unter der Auflage, das Department Gard bis zum Freitag, 17. August, zu verlassen. Darüber hinaus sollen wir uns für Rückfragen zur Verfügung halten.

Hinweis für alle Betroffenen:

Wir haben für euch alle eine Hotline unter der Nummer +49 163 244 36 62 eingerichtet. Die Nummer steht euch rund um die Uhr zur Verfügung. Hier können Hilfsangebote zur Aufarbeitung des Erlebten erfragt werden sowie Kontakte zu öffentlichen Stellen vermittelt werden. Bitte meldet euch bei Bedarf!

 

Traurige Grüße aus Frankreich

Bonzo und Jörg

 

   
© Jugendförderung St.Antonius Leverkusen e.V .